Kindheitserfahrungen, die unser Leben verändern – Teil 4: Gewalt

Was Gewalt in der Kindheit bedeutet

Im vierten Teil dieser Blogserie geht es um das Thema: Gewalt in der Kindheit. Vielleicht denkst du dabei zuerst an körperliche Übergriffe – an Schläge, Ohrfeigen oder den scheinbar harmlosen „Klaps auf den Po“. Doch Gewalt hat viele Gesichter. Sie kann laut oder leise sein, sichtbar oder unsichtbar, physisch oder psychisch.

Was viele nicht wissen: Auch psychische Gewalt hinterlässt tiefe Spuren. Und selbst Erfahrungen aus längst vergangenen Kriegen, wie dem Zweiten Weltkrieg oder dem Jugoslawienkrieg, wirken durch die sogenannte epigenetische Vererbung bis in die heutige Generation weiter.

Psychische Gewalt – die unsichtbare Wunde

Zahlreiche Studien zeigen: Das Gehirn reagiert auf psychische Gewalt genauso wie auf körperliche. Sie aktiviert dieselben Hirnareale, verursacht die gleichen Stressreaktionen – und hat ähnlich langfristige Folgen.

Und gerade weil psychische Gewalt oft subtil daherkommt, ist sie so gefährlich. Denn sie passiert mitten im Alltag – ganz ohne sichtbare blaue Flecken.

Typische Formen psychischer Gewalt sind:

  • Anschreien, besonders mit erhobenem Zeigefinger oder von oben herab
  • Drohungen und emotionale Erpressung
  • Erzwungenes Verhalten unter Androhung von Strafe
  • Liebesentzug („Wenn du so bist, hab ich dich nicht mehr lieb“)
  • Ignorieren oder Wegstoßen des Kindes, wenn es Trost sucht

Vielleicht kommen dir solche Sätze bekannt vor:

  • „Wenn du der Oma kein Bussi gibst, wird sie ganz traurig.“
  • „Sitz ruhig und iss auf, sonst gehen wir später nicht auf den Spielplatz.“
  • „Deine Mama ist krank, also sei lieb zu ihr.“
  • „Solange deine Füße unter meinem Tisch stehen, tust du, was ich sage!“

Diese Sätze erscheinen harmlos, aber sie erzeugen beim Kind eine tief sitzende Angst: die Angst, nicht mehr geliebt und verstoßen zu werden. Und diese Angst ist archaisch – sie stammt aus einer Zeit, in der das Ausgestoßensein aus der Gemeinschaft den sicheren Tod bedeutete. Vor allem für Kinder.

Warum Eltern (unbewusst) Gewalt anwenden

Viele Eltern nutzen – meist unbewusst – das natürliche Machtgefälle in der Beziehung zu ihren Kindern aus. Die Gründe dafür sind nicht böser Absicht, sondern eigene Ängste oder ungelöste Themen:

  • Der Wunsch, in Familie oder Gesellschaft gut dazustehen
  • Eigene emotionale Unreife oder mangelnde Konfliktfähigkeit
  • Der Versuch, alte Verletzungen und Ängste durch Kontrolle zu kompensieren
  • Überforderung im Alltag
  • Ein Kind „weil es dazugehört“, nicht aus echtem Wunsch

Doch egal warum Gewalt entsteht – ihre Wirkung bleibt: Kinder fühlen sich verletzt, machtlos, wütend und ohnmächtig.

Kinder sind nicht schwach – sie haben Werte und Gefühle

Auch kleine Kinder haben bereits ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit und persönliche Grenzen. Wenn sie von den eigenen Eltern verletzt werden – sei es körperlich oder seelisch – fühlen sie sich nicht nur traurig, sondern tief in ihrer Würde erschüttert.

Die Wut ist dabei eine gesunde, natürliche Reaktion auf Unrecht und an sich wachstumsfördernd. Doch diese Wut darf meist nicht gezeigt werden. In unserer Gesellschaft ist es ein Tabu, wütend auf die eigenen Eltern zu sein. Schließlich haben sie uns „das Leben geschenkt“ und „alles für uns getan“ – oder?

Doch wenn Dankbarkeit erzwungen wird, entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Das Kind lernt, sich selbst zu verbiegen, um, geliebt zu werden und dazu zu gehören.

Gewalt führt zu Überlebens-reaktionen: Kampf, Flucht oder Erstarrung

Wenn Kinder Gewalt erleben, reagiert ihr Körper mit dem, was die Biologie seit Jahrtausenden vorgibt: mit Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Vor allem die Erstarrung ist tückisch: Der Körper spannt sich unbewusst an, der Atem wird flach, das Gesicht versteinert. Gedanken reißen ab, Gefühle verschwinden. Dieser Zustand schützt das Kind kurzfristig – doch langfristig hinterlässt er Spuren im Nervensystem, im Körper und in der Psyche. Als Erwachsene erleben wir dann Situationen, in denen wir zur Salzsäule erstarren und erst im Nachhinein fällt uns ein, was wir nicht alles erwidern hätten können.

Drei mögliche Auswirkungen im Erwachsenenalter

Gewalterfahrungen in der Kindheit bewirken je nach Persönlichkeit und Umfeld verschiedene Überlebensstrategien:

1. Der Kämpfer: Wut nach außen

Diese Menschen gehen in den Kampf. Schon als Kinder zeigen sie ihren inneren Konflikt lautstark: Sie schreien, beißen, werfen. Später explodieren sie bei jeder Kleinigkeit, kontrollieren andere oder machen sie klein.

Zwar spüren sie ihre Wut – manchmal auch ihre Verletztheit – sehr deutlich, doch sie können diese Gefühle nicht regulieren und wissen meist nicht, wo ihre Wut ihren Ursprung hat. Sie richten ihre Energie gegen andere und auch gegen sich selbst. Und obwohl Therapie oder Coaching mit Verhaltensstrategien oberflächlich helfen können, bleibt die Wut und Verletztheit im Körpergedächtnis bestehen. Sie wird nur tiefer verdrängt und frisst uns in Form von Krankheiten von innen auf.

2. Der Verdränger: Wut nach innen

Diese Kinder wirken still, aber innerlich brodelt es. Sie sind trotzig, stur, nachtragend. Als Erwachsene ziehen sie sich schnell zurück, schmollen, geben selten zu, verletzt zu sein, sind wenig kompromissfähig.

Sie glauben, sie hätten vergeben – doch ihre verdrängte Wut zeigt sich in passiv-aggressivem Verhalten, Beziehungsproblemen oder chronischer Unzufriedenheit. Ihre Wut ist tief im Körper versteckt, unerreichbar für den bewussten Verstand.

3. Der Angepasste: Erstarrung und Funktionieren

Diese Kinder sind Musterkinder: brav, höflich, angepasst. Sie zeigen keine Wut – weil sie sie nicht mehr fühlen. Sie haben gelernt, ihre Gefühle „abzuschalten“, um zu überleben.

Im Erwachsenenalter entwickeln sie selbstzerstörerische Muster: Süchte (z. B. Social Media, Zucker, exzessiver Sport, Drogen jeglicher Art), toxische Beziehungen, chronische Überforderung. Körperlich zeigt sich ihre Erstarrung in chronischen Verspannungen, eingeschränkter Atemvolumen, Verdauungsproblemen oder Haltungsschäden.

Sie suchen Halt im Außen – oft bei dominanten Persönlichkeiten, die ihnen sagen, was richtig ist. So geraten sie leicht in Abhängigkeiten, z. B. von narzisstischen Partnern oder Chefs.

Wichtig: Viele Menschen zeigen Mischformen

Du musst dich nicht in eine Schublade stecken. Viele von uns zeigen – je nach Situation – unterschiedliche Reaktionsmuster. Mal sind wir laut und wütend, mal angepasst und still. Das ist normal, denn schliesslich ist jeder Mensch individuell und kann nicht in eine Schublade oder Norm gesteckt werden.

Der Kaiserschnitt – eine frühe Form von Gewalt

Ein Thema, das so noch nie betrachtet wurde: der Kaiserschnitt. Damit sind keine medizinisch notwendigen Eingriffe gemeint, um das Leben von Mutter und Kind zu retten, sondern der zunehmend routinemäßige, vorab terminierte Kaiserschnitt.

Was dabei oft übersehen wird: Bei einer natürlichen Geburt aktiviert das Baby seine ganze Kraft, um durch den Geburtskanal zu kommen – ein Prozess, der seit Jahrtausenden Teil des Lebens ist, beim Menschen und bei Säugetieren. Diese Kraftanstrengung hat Sinn und Ziel: das Leben.

Beim Kaiserschnitt wird diese Kraft „abgebrochen“. Die biologischen Mechanismen laufen dennoch ab – aber ins Leere. Die Folge: Diese Kinder entwickeln später das Gefühl, dass Anstrengung nichts bringt. Sie wirken gehemmt, blockiert, können ihr Potenzial nicht entfalten und zeigen oftmals eine depressive Lebensgrundstimmung.

Oft liegt die Entscheidung für einen Kaiserschnitt in der Angst – und dem fehlenden Vertrauen in den weiblichen Körper. Doch seit Jahrtausenden gebären Frauen Kinder. Es wird Zeit, wieder Vertrauen in diese Urkraft zu gewinnen.

Natürlich gibt es medizinische Ausnahmen – und niemand verurteilt individuelle Entscheidungen. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen. Nicht jede Risikoschwangere muss sich einem geplanten Kaiserschnitt unterziehen.

Was du als Mutter oder Vater tun kannst

Wenn du selbst Elternteil bist – oder bald wirst – erinnere dich an diesen wichtigen Satz aus der systemischen Familienarbeit:

„Ich bin die Große, du bist der Kleine. Ich gebe, du nimmst.“

Wenn du diese Haltung einnimmst, fällt es dir leichter, auf Macht und Gewalt zu verzichten – und deinem Kind die Liebe und Geborgenheit zu geben, die es braucht.

Dein Vorbild wirkt stärker als jedes Wort. Oder wie Karl Valentin sagte:

„Was nützt die ganze Erziehung – die Kinder machen einem sowieso alles nach.“

Wenn du bei dir selbst anfängst, veränderst du nicht nur dein eigenes Leben – sondern das deiner Kinder gleich mit.

Gewalt auflösen – ohne darüber zu reden

Wenn du beim Lesen dieses Artikels gemerkt hast, dass auch du Gewalt erfahren hast, sei beruhigt: Du musst nicht darüber sprechen, um zu heilen. Denn viele Erinnerungen sind im Körper gespeichert – nicht im bewussten Verstand.

Das vegetative Training® bietet einen sicheren Raum, in dem du diese gespeicherten Zustände von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut bewusst erleben und Schritt für Schritt loslassen kannst. Du darfst wütend sein – auch auf deine Eltern. Verstehen heißt nicht, die Gefühle zu verdrängen.

Das Ziel ist, dass du deine Gefühle nicht mehr unterdrücken musst, sondern sie integrierst. Dann entsteht wahres Verständnis – nicht aus dem Kopf, sondern tief aus deiner Seele.

Fazit: Gewalt erkennen – und dich selbst befreien

Gewalt in der Kindheit ist noch immer Realität – ob sichtbar oder unsichtbar, direkt erlebt oder über Generationen weitergegeben. Aber du hast jetzt die Möglichkeit, diesen Kreislauf für dich und zur nächsten Generation zu durchbrechen.

Als Vater, Mutter oder einfach als Mensch: Du darfst beginnen, bei dir selbst hinzusehen. Du darfst Verletzungen heilen, Wut zulassen, Verantwortung übernehmen. Nicht nur für dich – sondern auch für die, die dir folgen. Oder wie Bert Hellinger sagen würde: „Damit es gut weiter geht.“

Denn ein Vorbild bewirkt mehr als jede Erziehungsmaßnahme.

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