Warum Lebewesen – und wir Menschen – handeln, wie sie handeln
Was macht ein Lebewesen eigentlich zu einem Lebewesen? Und was treibt uns Menschen an, jeden Tag aufs Neue aufzustehen, zu essen, zu arbeiten, zu lieben? Darüber haben sich schon viele kluge Köpfe Gedanken gemacht. Sigmund Freud sprach vom Lust-Unlust-Prinzip, Viktor Frankl sah den Sinn als Motor unseres Lebens. In diesem Beitrag möchte ich dir zusätzlich eine spannende Sichtweise des Neurowissenschaftlers Joseph LeDoux vorstellen, die vielleicht noch näher an unserem wahren „Antrieb“ liegt.
Lust und Unlust – die Theorie von Sigmund Freud
Freud ging davon aus, dass wir Menschen im Kern von einem einfachen Prinzip gesteuert werden: dem Streben nach Lust und dem Vermeiden von Unlust. Unsere unbewussten Bedürfnisse (Freud nannte sie das „ES“) wollen befriedigt werden. Das können körperliche Bedürfnisse sein, wie Hunger oder Sexualität, aber auch der Wunsch nach Harmonie oder Anerkennung.
Wenn wir etwas Angenehmes erleben, reduziert das die innere Anspannung – das erleben wir als Lust. Umgekehrt wollen wir unangenehme Zustände vermeiden oder verdrängen. Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern für alle Tiere. Auch sie suchen instinktiv nach angenehmen Zuständen und meiden unangenehme.
Doch so einfach ist es nicht immer. Warum gehen wir dann ins Fitnessstudio und quälen uns dort mit schweren Gewichten? Warum besuchen wir Familienfeiern, die wir lieber meiden würden? Hier kommt eine andere Theorie ins Spiel.
Viktor Frankl: Sinn gibt uns Kraft
Der Psychiater Viktor Frankl sah die eigentliche Triebkraft des Menschen in der Suche nach Sinn. Wenn wir einen Sinn in unserem Tun erkennen, können wir selbst Schmerz und Anstrengung ertragen. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat das in seinem Buch „Descartes Irrtum“ ähnlich formuliert, nur von einer anderen Perspektive aus betrachtet.
Darum trainieren wir trotz Muskelkater, weil wir ein Ziel vor Augen haben – zum Beispiel Gesundheit oder ein bestimmtes Körpergefühl. Eine Mutter, die mit Fieber trotzdem für ihre Kinder sorgt, tut das, weil sie darin einen Sinn sieht. Frankl zeigte damit, dass Menschen bereit sind, viel zu ertragen, wenn es ihnen sinnvoll erscheint.
Aber auch hier bleibt die Frage: Gilt das wirklich nur für uns Menschen? Können Tiere ebenfalls Sinn empfinden? Oder folgt unser Leben, genau wie das aller anderen Lebewesen, vielleicht doch einem noch grundlegenderen Prinzip?
Homöostase: Das Gleichgewicht des Lebens nach Joseph LeDoux
Joseph LeDoux bringt eine sehr spannende Sichtweise ins Spiel. Er sagt: Die eigentliche Triebkraft aller Lebewesen ist die Homöostase.
Das bedeutet: Jedes Lebewesen ist darauf programmiert, sein inneres Gleichgewicht zu bewahren. Wir trinken, wenn wir Durst haben. Wir essen, wenn unsere Energiereserven sinken. Wir ziehen uns warm an, wenn uns kalt ist. Auch Angst und Stress sind Reaktionen, die uns vor Gefahren schützen sollen.
Die Homöostase sichert unser Überleben – und das nicht nur individuell, sondern auch für die gesamte Art. Deshalb gehört auch die Fortpflanzung zu den zentralen Antrieben des Lebens. Bert Hellinger hat das schön zusammengefasst mit seinem Satz: „Damit es gut weitergeht.“
Stress, Blutdruck und Fruchtbarkeit: Signale unseres Gleichgewichts
Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck zeigt, dass unser Körper ständig in Alarmbereitschaft ist. Die Ursache ist oft Stress, der uns in einen Zustand versetzt, in dem wir kämpfen, fliehen oder erstarren wollen – genau wie unsere tierischen Vorfahren.
Auch unsere Fruchtbarkeit leidet unter chronischem Stress. Die Natur legt nämlich nicht nur Wert auf das Überleben des Einzelnen, sondern auch auf das der Art. Ist der Stress, die Belastung zu groß, werden weniger Ressourcen in Fortpflanzung investiert.
Joseph LeDoux betont, dass Störungen des Gleichgewichts ein besserer Indikator für Stress sind als das gern gemessene Stresshormon Cortisol. Denn Cortisol allein sagt wenig aus – das Stressprofil ist von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich . Eine einmalige Messung beim Arzt ist daher nicht aussagekräftig, ähnlich wie ein einzelner Blutdruckwert.
Unser vegetatives System: Der stille Regisseur
Viele dieser Prozesse laufen unbewusst ab, gesteuert von unserem vegetativen System. Es sorgt dafür, dass Herzschlag, Atmung und Verdauung automatisch ablaufen und unser inneres Gleichgewicht in Körper und Geist erhalten bleibt. Mehr darüber erkläre ich in meinem Beitrag zum vegetativen Nervensystem.
Das zeigt: Trotz all unserer „hohen“ kognitiven Fähigkeiten sind wir in unserem Kern genauso wie alle anderen Lebewesen auf dieser Erde darauf programmiert, unser Überleben und das unserer Art zu sichern.
Können wir unser Gleichgewicht selbst beeinflussen?
Heißt das, wir sind unseren inneren Programmen hilflos ausgeliefert? Zum Glück nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, Stress zu reduzieren und unser inneres Gleichgewicht zu stärken – von bewusster Entspannung über Bewegung bis zu gesunden sozialen Beziehungen.
Mehr darüber erfährst du in meinem Beitrag „Stress lass nach“ oder „Erholung & Regeneration statt Erschöpfung„.
✨ Fazit:
Ob Lust und Unlust nach Freud, der Sinn des Lebens nach Frankl oder die Homöostase nach LeDoux – all diese Perspektiven zeigen uns Facetten dessen, was uns Menschen (und andere Lebewesen) antreibt. Spannend ist, wie stark unser Streben nach Gleichgewicht und Überleben tief in uns verankert ist. Wenn wir das verstehen, können wir liebevoller und achtsamer mit uns selbst umgehen.


